Mittwoch, 13. Januar 2021 11:36 Uhr

Was macht ein Ratsmensch, wenn es keine Sitzungen gibt? Hildegard Pavel: „Er oder sie denken in Ruhe nach!“ | Windkraftenergie um Hollenstedt

Northeim (red). Was macht ein Ratsmensch, wenn es keine Sitzungen gibt? Diese Frage beantwortet Hildegard Pavel mit den Worten: „Er oder sie denken in Ruhe nach!“

Worüber zum Beispiel?

Hildegard Pavel: Das hängt wohl vorrangig davon ab, wo er oder sie lebt und was gerade am meisten auf der Seele brennt. Mich beschäftigt als Bewohnerin und als Kommunalpolitikerin, schon immer und jetzt im Besonderen, die Zukunft von Hollenstedt, als Puzzleteil im Gesamtgefüge der Stadt Northeim. Zurzeit ist es, durch die nun aktualisierten Beratungen zum Entwurf des Landkreises betreffs verstärkter Nutzung von Windkraft, die auch Hollenstedt in besonderer Weise betreffen - aktueller denn je.

Dafür ist es in Hollenstedt aber noch ziemlich ruhig!

Hildegard Pavel: Ja, das wundert mich schon seit langem. Bisher gibt es keine, im Gegensatz zu anderen betroffenen Gebieten, diesen Prozess begleitende Bürgerinitiative. Alle meine Hinweise, die ich im Rahmen meiner Möglichkeiten im Ortsrat und Rat und durch persönliche Ansprache im Dorf machen konnte, haben bisher wenig Wirkung gezeigt. Aber ich glaube, dass es doch schon viel mehr Menschen gibt, die nach den Sitzungen des Landkreises zum Thema Windenergieplanungen und zahlreichen Presseartikeln hierzu hellhöriger geworden sind. Die Pandemiesituation beeinflusst bedauerlicherweise Spontanität und Bewegungsfreiheit. Aber natürlich kann sich jeder und jede Interessierte auf den Homepages von Stadt und Kreis Northeim ausführlich informieren. Auf den entsprechenden Sitzungen von Bau- und Kreistagssitzung und der letzten Ratssitzung im Dezember waren auch der Bürgermeister und der stellvertretende Bürgermeister aus Hollenstedt anwesend und haben auf die zu befürchtenden Veränderungen durch die geplanten Windkraftanlagen auf das Dorf hingewiesen.

Was könnte da auf das Dorf und seine Bewohner zukommen?

Hildegard Pavel: Das um Hollenstedt geplante Vorranggebiet mit 538 ha ist mit das größte zusammenhängende vom Landkreis Northeim vorgeschlagene Gebiet, um Windkraftanlagen mit einer Gesamthöhe von fast 250 m errichten zu können. Diesem Entwurf hat der Kreistag im Dezember mehrheitlich so zugestimmt. Sollte dieser Entwurf letztendlich nach den vorgegebenen Verfahrensbeteiligungen so bestätigt werden, könnten bis zu 60 solcher Anlagen errichtet werden. Das würde zu einer Veränderung der Landschaft für viele Jahrzehnte führen, die sich niemand von uns wirklich vorstellen kann. In diesem Verfahren sind noch viele Fragen nach den Auswirkungen dieser Anlagen auf Menschen und Tiere, und was Hollenstedt, mit seinem Deutschland- und Europaweit bekannten Vogelschutzgebiet betrifft, nicht abschließend geklärt. In diesem Prozess tragen die Bewohner Hollenstedts und sein Ortsrat als auch der Stadtrat Northeim besondere Verantwortung für die weiteren Entwicklungen.

Heißt das konkret?

Hildegard Pavel: Mir ist sehr wohl bewusst, dass es auf Grundlage der Forschungen eine schnelle Reaktion auf die Klimaveränderungen geben und dass das Pariser Klimaabkommen in Verantwortung auf künftige Generationen eingehalten werden muss! Dabei darf es aber nicht zu unverhältnismäßigen Beeinträchtigungen einzelner Gebiete kommen. Das sehe ich im Bereich von Hollenstedt. Was zu viel ist, ist einfach zu viel!

Aber nicht vor Hollenstedt, lieber dann doch woanders?

Hildegard Pavel: Nein, auch wir müssen unseren Beitrag dazu leisten! Aber dieser Beitrag muss von der Mehrzahl der Betroffenen mitgetragen werden. Nach meinem Verständnis wird das Ergebnis ein Kompromiss werden zwischen dem, was theoretisch machbar sein könnte und was zumutbar ist, um keine Verlierer und keinen Unfrieden innerhalb der Dorfbevölkerung zu erzeugen.

Wer könnte gewinnen?

Hildegard Pavel: Gewinnen wird unser Klima und damit unsere Umwelt. Das ist das wichtigste gewollte positive Ergebnis. Gewinnen tun aber auch die Energieanlagekonzerne und die Grundstückseigentümer, auf denen die Anlagen gebaut werden und die sich, je nach Vertrag, auch an den Gewinnen der Anlagebetreiber finanziell beteiligen können. Die Stadt wird Gewerbesteuer bekommen, die in den Gesamthaushalt einfließen wird.

Wer könnte verlieren?

Hildegard Pavel: Zunächst das Landschaftsbild im Bereich um Hollenstedt, dass schon jetzt schwer belastet ist durch die Autobahn, die ICE Schnellbahnstrecke, durch die 380kv Hochspannungsanlagen und die zu erwartenden enormen Erdarbeiten zur Verlegung der Leitungen zur Südlinktrasse. Da kommen dann die 250 m hohen Windräder als Top dazu. Es ist zu befürchten, dass die durch die Geschiebesperre und die Klimaveränderung erhöhte Artenvielfalt der Vogelwelt, die viele Ornithologen aus der ganzen Bundesrepublik und Europa begeistert, ebenso, wie die bestehenden Populationen des heimischen Rotmilans, gefährdet werden.

Die Auswirkungen der Höhe der neuen Anlagen auf die bestehenden Vogelzugrouten müssen erneuert werden, weil Aussagen hierzu, von alten Höhenbegrenzungen von maximal 100 m ausgehen. Da wäre dann noch der Mensch. Auch wenn 1000 Meter Abstand zur äußeren Wohnbebauung eingehalten werden - was nach meiner Meinung wohl auch das Mindeste sein dürfte - werden die Auswirkungen von Infraschall, Schlagschatten und Nachtbefeuerung eines so großen Gebietes mit 60 möglichen 250 Meter hohen Anlagen auf die Gesundheit und die Lebensqualität von Menschen in der Wissenschaft äußerst unterschiedlich bewertet.

Hier muss es sachliche fundierte unabhängige Informationsmöglichkeiten geben. Nach Corona bevorzugt durch öffentliche Veranstaltungen. Die Entwicklungsmöglichkeiten des Dorfes werden sich durch einen so großen Windpark verändern. Es ist zu befürchten, dass dies Bauwillige eher in ruhigere Gegenden des Stadtgebietes drängt. Der Wertverlust von Gebäuden wird bisher in allen Überlegungen völlig vernachlässigt. Hier bestätigen sich die oft zitierten Aussagen, dass Menschen schon für Windenergie sind, wenn die Anlagen nicht direkt vor ihrer Haustür stehen, aber den Menschen, die auf ihre Verluste hinweisen, Einzelinteressen unterstellt wird.

Ein jedes Interesse, sowohl, das eines Grundstückseigentümers, der das Recht hat Gewinne zu machen ist, als auch das Recht dessen, der für sich wegen Verlusten an Lebensqualität durch die Freiheit des anderen, beeinträchtigt fühlt, sind gleichberechtigt zu würdigen und zu behandeln.

Konkret heißt das?

Hildegard Pavel: Nur wenn Menschen im Beratungsprozess gut informiert werden und sich nicht als Verlierer hierbei fühlen, werden Menschen die notwendigen Klimaveränderungen mittragen und auch persönliche Einschränkungen akzeptieren. Konkret heißt das für mich: Das Vorranggebiet um Hollenstedt muss verkleinert werden, die Zahl der Anlagen muss reduziert werden. Alternativen für Anlagen müssen z. B. auf Berghängen, auch im Waldgebiet möglich sein. Altanlagen müssen zwecks weiterer Laufzeit überprüft werden.

Die Frage von Entschädigungen betroffener Gebiete und Anwohner muss vom Land Niedersachen und /oder dem Bund aufgegriffen und gerecht bewertet werden. Gewerbesteuereinahmen durch Windenergieanlagen müssen als Ausgleichsmaßnahmen zur Förderung der Dorfentwicklung anteilig nach Hollenstedt fließen. Um den Prozess, der die Zukunft bestimmenden Planungen für Hollenstedt beeinflussen zu können, braucht es, meiner Meinung nach, zahlreiche tatkräftige Beteiligung aller Hollenstedter.

Jetzt müssen wir sichtbar sein und Gehör fordern. Hinterher nützt das nichts mehr. Es braucht eine Vision des Ortsrates, wie er sich das Dorf in 50 oder 100 Jahren vorstellt und was er von Stadtrat und Kreistag an Unterstützung erwartet. Mit Spannung sehe ich den Entwicklungen im Stadtrat und im Landkreis Northeim zur Windkraft und dem nächsten Wahlkampf entgegen.

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